Zum Unterschied zwischen relativer und absoluter Armut
Da hat also das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine von den Medien dankbar aufgenomme Studie vorgestellt, die auf den ersten Blick wirklich erschreckend ist. Gut, erschreckend bleibt sie auch auf den zweiten Blick, aber qualitativ auf eine ganz andere Art und Weise, als es uns der journalistische Filter weismachen möchte.
Es mag absolut richtig sein, dass heute vergleichsweise mehr Menschen an oder unter der Armutsgrenze leben, als es noch vor einigen Jahren der Fall war. Dieser Sachverhalt ist aber unbedingt nicht (!) mit der Aussage gleichzusetzen, die Menschen seien heutzutage allgemein ärmer. Denn das, was das DIW misst, ist nicht die absolute Armut, sondern die relative Armut (”relative Einkommensarmut”). Also das Verhältnis aus Einkommen des betrachteten Individuums zum mittleren Einkommen aller Individuen eines Landes.
Ein Beispiel: Stellen wir uns eine Ökonomie bestehend aus 10 Individuen vor, die ausschließlich jeweils 10 Schafe besitzen und damit gleich reich bzw. vermögend sind. Sollte eines dieser Individuen durch einen wie auch immer gearteten externen Effekt 990 Schafe dazu bekommen, hat sich an der Vermögenssituation der anderen 9 Individuen nichts geändert. Absolut sind diese gleich vermögend geblieben. Relativ betrachtet hat sich allerdings das mittlere Einkommen (Vermögen) von ehemals 10 auf nun 109 Schafe je Individuum erhöht. Und nach der Definition der EU-Kommission sind damit die 9 Individuen von gestern auf heute arm geworden, da ihr Verhältnis aus Einkommen von 10 Schafen zum neuen mittleren Einkommen von 109 Schafen mit weniger als 10 v.H. weit unter der definitorischen Armutsschwelle von 50 v.H. liegt.
Leider wird in den meisten Artikeln und Kommentaren zu solchen Armutsstudien nicht auf diesen kleinen aber unter Umständen entscheidenen Unterschied hingewiesen. Und sei es nur, um klarzustellen, dass zwar niemand absolut ärmer geworden ist, dafür aber große Teile der Bevölkerung von einer Einkommenserhöhung ausgeschlossen sind, sprich nicht an einer Wohlfahrtserhöhung partizipieren konnten. Und ein so festgestellter Anstieg relativer Armut wäre in der Tat sehr erschreckend.