Zum Dogmenstreit der Volkswirtschaftslehre, der keiner ist
Während meines sechsjährigen Studiums der Volkswirtschaftslehre hatte ich reichlich Gelegenheit, die wirtschafts- und ordnungspolitische sowie die mathematisch modellorientierte Methodik kennen zu lernen. Um beide Methoden hatte sich in den letzten Monaten ein Streit unter Deutschlands führenden Ökonomen entwickelt. Einen mittleren Höhepunkt findet selbiger derzeit in der Diskussion (Handelsblatt.com) über die Neubesetzung sechs vakanter Professorenstellen an der Kölner Wirtschaftsfakultät. Zugunsten eines Makroökonomischen Forschungsschwerpunkt sollen mehrere ehemals ordnungspolitisch ausgerichtete Professuren zusammengefasst werden.
Angesichts des hitzig geführten Streitgesprächs, drängt sich mir insbesondere eine Frage auf: Wie war es meiner Universität anscheinend ohne weiteres Kopfzerbrechen überhaupt möglich, mich parallel sowohl ordnungspolitisch als auch mathematisch orientiert auszubilden? Immerhin lassen die Vertreter der mathematisch orientierten Denkrichtung keinen Zweifel daran, dass der vermeintlich rein verbale ordnungspolitische Ansatz überholt sei (Albrecht Ritschl: Ordnungsökonomik war ein Sonderweg, FAZ.NET), während die Ordnungsökonomen selbst etwas scheu ihre Position verteidigen (Michael Hüther, Ordnungsökonomik fasziniert heute noch, FAZ.NET). Behielten erstere wirklich Recht und die Methodik der Wirtschafts- und Ordnungspolitik sei an ihre Grenzen gestoßen, gar nie wirklich zu gebrauchen gewesen, müsste ich persönlich circa vierzig bis fünfzig Prozent meines Studiums abschreiben. Dem ist aus zweierlei Gründen nicht so.
Zum einen hat sich die Ordnungsökonomik weiterentwickelt und formalisiert nicht nur ihre jüngeren Theorien wie bspw. die Neue Institutionenökonomik oder die Spieltheorie mit analytischen Methoden. Der Vorwurf rein verbale und nicht mathematisch unterlegte Wissenschaft zu betreiben wird damit obsolet. Zum anderen benötigt es anscheinend eines neutralen außerhalb des akademischen Zirkels stehenden Beobachters, um zu erkennen, dass hier lediglich ein Schaulaufen akademischer Eitelkeiten von Statten geht. Dies Methodenstreit zu nennen, ist bereits fragwürdig, von Dogmenstreit zu reden auf jeden Fall intellektuelles Wunschdenken.
Ein wirtschaftswissenschaftlicher Dogmenstreit verlangt nach einer ökonomischer Fragestellung, der sich mindestens zwei Denkschulen in unterschiedlicher Art und Weise nähern. Beispielhaft sei hier die im 19. Jahrhundert geführte Banking-Currency-Kontroverse über die Frage der Abgrenzung des Geldmengenbegriffs genannt. Die Beteiligten eines Methodenstreits finden immerhin Konsens über das Ziel, lediglich der Weg dorthin wird reichlich diskutiert. Anwendbar aber sind beide Begrifflichkeiten für die gerade stattfindende Debatte nicht. Es ist alles viel banaler: Es ist ein Fächerstreit.
Warum kein Student der Wirtschaftswissenschaften im Hauptstudium auf die Idee kommen würde, mit Hilfe des Solo-Swan-Wachstumsmodells Aussagen über kollusives Verhalten von Kartellen zu treffen, die mathematisch modellorientierte Professorenschaft im übertragenden Sinne aber so tut, dies sehr wohl oder noch besser zu können, hat einen ganz anderen Grund. Sie sind nicht zuletzt endogenes Ergebnis der exogenen Institution “Exzellenzinitiative”, die international ausgerichtete Lehrstühle bzw. Universitäten mit speziellen Fokus auf angelsächsische Fachjournale automatisch bevorzugt. Von daher muss es auch nicht sonderlich verwundern, dass der Kölner Ökonomie-Professor Axel Ockenfels zwar am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg unter seinem Doktorvater Joachim Weimann promovierte, sich nun aber vehement für den Eingangs erwähnten Makroökonomischen Forschungsschwerpunkt einsetzt. Herr Ockenfels denkt dabei sicherlich nicht an einen Verrat am eigenen Fach, sondern folgt lediglich dem allgemeinen Trend zur mathematischen Methodik, der durch die Anreizmechanismen der benannten Exzellenzinitiative zumindest verstärkt wird. Dies alles spricht aber nicht gegen die gleichwertige Behandlung der Ordnungsökonomik und quantitativen VWL.