Elite trägt Verantwortung

Sonntag, April 13, 2008
By sr

Ich habe Julia Friedrichs “Gestatten: Elite” noch nicht gelesen, auch wenn es so omnipotent in den Feuilletons besprochen wurde, vielleicht auch zu recht. Es sei aber zumindest zum Anlass genommen, die Thematik aufzugreifen.

Ich weiß nicht so genau, wer oder was Elite ist. Diese Frage erscheint mir auch gar nicht so wichtig. Interessanter und damit in gewisser Weise auch offener ist doch eher die Frage, durch was sich Eliten auszeichnen oder auszeichnen sollten.

Vom Liberalismus

In einem Studium der Wirtschaftswissenschaft gewinnt man eine gewisse Sympathie für den absoluten Liberalismus. Zwar werden mit Hilfe der Marktversagenstheorie auch staatliche Eingriffe begründet, zum Großteil offenbaren die wirtschaftswissenschaftlichen Theorien und Modelle allerdings die positiven Wohlfahrtseffekte liberaler Märkte. Daran soll auch grundsätzlich kein Zweifel bestehen. Was ich allerdings gerne zur Disposition stellen würde, ist die Frage, wie viel Liberalismus eine Gesellschaft verträgt?

Die betriebswirtschaftliche Ausrichtung einer Unternehmung auf die Maximierung des Shareholder Value ist konsistent. Sie ist konsistent in dem Sinne, dass den Shareholdern das Unternehmen gehört und sie ein Recht darauf haben, ihr eingesetztes Kapital höchstmöglich verzinst zu wissen. Es ist ebenso für jeden Betriebswirtschaftler und Volkswirtschaftler klar, dass die Grenzproduktivität des Kapitals auch aus Wohlfahrtstheoretischen Gründen zu maximieren ist. Das Kapitel Nokia wäre demnach geklärt. Auch wenn in diesem Rahmen die positiven Wohlfahrtseffekte Deutschland nur wenig offensichtlich treffen und politisch schwer bzw. gar nicht erklärbar sind.

Wer profitiert von Unternehmensgewinnen

Was ich allerdings hinsichtlich der gesellschaftlichen Stabilität – hier sei insbesondere eine gesunde und prosperierende Mittelschicht gemeint – als problematisch erachte, ist die Tatsache, dass lediglich ein Bruchteil der Gesellschaft selbst “Shareholder” ist. Laut Deutschem Aktieninstitut besaßen im Jahre 2007 lediglich 10 Mio. Deutsche selbst Aktien oder Fonds. Dies entspricht einem relativen Anteil von 12 v.H., und damit werden die Gewinne börsennotierter Unternehmen auf eine überschaubare Gruppe von Individuen verteilt, die, so ist zu befürchten, keinen Querschnitt unserer Gesellschaft abbilden.

Das Credo des Liberalismus stellt es nun jedem Individuum frei, sich an einem Unternehmen zu beteiligen und von dessen Gewinnen gleichsam zu profitieren. Aber genau hier liegt der Knackpunkt.

Elite muss Verantwortung übernehmen

Wenn die Mehrheit der Gesellschaft nicht in der Lage oder gewillt ist, sich an Unternehmen zu beteiligen, liegt die soziale Verantwortung in meinen Augen auch bei den Shareholdern und ihren Agenten für eine gewisse Gleichverteilung der Gewinne zu sorgen. Geschenke sind damit keinesfalls gemeint, ob freiwillig oder unter staatlichem Zwang. Ganz im Gegenteil, die negativen Anreizwirkungen sind eklatant. Aber wenn man den Begriff der Elite – zugegebener Maßen sehr einseitig und somit vollkommen unvollständig – auf die sogeannte Wirtschaftselite reduziert, so sind es eben letztere, die durch ihre Entscheidungen einen positiven gesellschaftlichen Beitrag leisten können.

Was spricht dagegen, aus einer sozialen Verantwortung heraus, Entlassungen soweit wie möglich zu vermeiden? Was spricht dagegen, grundsätzlich alle Arbeitnehmer an den Unternehmensgewinnen zu beteiligen?

Es wäre mir ein Leichtes, Gründe zu finden, die betriebswirtschaftlich und letztendlich auch volkswirtschaftlich dagegen sprechen. Solange allerdings die von beispielsweise Massenentlassungen generierten Wohlfahrtsgewinne lediglich einer kleinen Gruppe von Individuen zuteil werden, ist selbige gefragt, ihrer Gesellschaft, denen sie ihr Glück zu verdanken hat, etwas zurückzugeben. Sei es durch soziales Engagement, durch die Ausbildung junger Menschen oder eben durch eine wie auch immer geartete Aufteilung bzw. Weitergabe von Gewinnen.

Was mit einer Gesellschaft passiert, in der es nicht mehr gelingt, einen Großteil ihrer Mitglieder zu steigendem Wohlstand zu verhelfen, möchte ich mir nicht vorstellen. Dies ist allerdings auch nicht nötig. Ein Blick auf die politische und wirtschaftliche Weltkarte reicht vollkommen aus.

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6 Responses to “Elite trägt Verantwortung”

  1. Der absolute Liberalismus muß damit beginnen, dass Unternehmen keinerlei staatlicher Zuwendungen mehr bekommen. Für das schöne alte Spiele Gewinne zu kapitalisieren und Verluste zu sozialisieren, ist im absoluten Liberalismus kein Raum. Das wird von vielen Unternehmern aber gern übersehen, wenn sie nach mehr Liberalismus schreien. Als Volks- und Wirtschaftswissenschaftler bin ich aus vielen Gründen für einen absoluten Liberalismus, aber ich sehe in der Praxis keinen Weg der dahin führt. Auf eine wohlmeinende “Elite” möchte ich dabei jedenfalls nicht setzen.

    #18
  2. od

    Gerne möchte ich den Elitebegriff an dieser Stelle auch noch einmal von den im Artikel genannten Shareholdern eine Ebene tiefer, auf die Unternehmensführung ausweiten.

    Letztendlich ist es natürlich der Anteilseigner, der diese Verantwortung übernimmt, indem er Teile seiner Rendite mit den sog. “Stakeholdern”, also allen Anderen, die zur Entwicklung eines Unternehmens beitragen, teilt (z.B. mit den Arbeitnehmern). Doch auch das Management hat hier eine große Verantwortung zu tragen, in dem es die richtigen Entscheidungen für eine langfristige Wertschöpfung des Unternehmens trifft. Dieses sollte letztendlich allen Beteiligten Akteuren zu gute kommen!

    #19
  3. @OD – Sehr richtig! Die langfristige Wertschöpfung spielt eine viel zu geringe Rollen in den heutigen Unternehmensentscheidungen. Was zählt ist die nächste Quartalsbilanz.
    Lesenswert ist in diesem Zusammenhang das Buch “Integrative Wirtschaftsethik – Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie”, in dem der Autor Peter Ulrich den Shareholder-Begriff wesentlich erweitert, und Wege zu einer langfristigen und für alle gewinnbringenden Wirtschaft aufzeigt.

    #20
  4. od

    In der Tat bietet unsere Universität leider keine Vorlesungen zum Thema Wirtschaftsethik an (hätte mich doch einmal interessiert, daher danke für den Buchtipp). Dennoch möchte ich (zumindest für unsere Uni) einmal klar stellen, dass man ein kurzsichtiges Wirtschaftsverhalten nicht gelehrt bekommt. Die Gewinnmaximierung ist zwar auch bei uns das zentrale Thema, aber eben auch Wörter wie langfristiges Wertschöpfungspotential (im Entrepreneurship) oder das Befriedigen von Kundenbedürfnissen (zwecks Wiederkauf dieser Kunden – Marketing) sind für den gut gebildeten WiWi an unserer Universität (Otto-von-Guericke-Universität) keine Fremdwörter.

    #21
  5. @OD – das wollte ich auch mit keiner Silbe bezweifeln, und hoffe sehr darauf, dass künftige Konzernlenker sich wieder verstärkt für die langfristige Wertschöpfung engagieren.

    #22
  6. [...] in der Öffentlichkeit > abgewickelt werden müssen! da wirst du nichtmal in der PDS/Grüne > Fürsprecher finden denn die sind genauso Teil der Filz wie die Amigos Also ein großes PRO das Volk solche [...]

    #24

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